Rede von Ulrike Schwarz anlässlich der Eröffnung „Die Handtasche – Ein Frauenliebling“ im Kreismuseum Zons am 15.9. 2006

Sehr geehrte Frau Blum-Spicker,
liebe Frau Riemann
liebe Teilnehmer unseres Wettbewerbes,
sehr verehrte Gäste,

alle drei Jahre organisiere ich für das Handwerks museum Deggendorf einen Wettbewerb für Handwerk und Design. 1995 lautete das Thema „die Teekanne“, darauf folgte 1998 „der Stuhl“-2002 ein bisschen außerhalb des 3-Jahres Rhythmus suchten wir anlässlich unseres Stadt­jubiläums die „Festfahne 2002“. 2005 schlugen die Frauenherzen höher, nun hieß das Objekt der Begierde „die Handtasche“.

Ganz bewusst steht bei allen Wettbewerben ein ganz normaler Alltags­gegenstand im Mittelpunkt. Voraussetzung ist, dass er von Handwerkern hergestellt wird- schließlich finden die Wettbewerbe im Handwerks museum statt. Auch soll er eine gewisse technische Heraus­forderung bieten, um Hobbyisten und Dilettanten auszuschließen. Immer gab es fließende Grenzen zur Kunst, was den Reiz des Wettbewerbes steigerte.

Ziel des Wettbewerbs ist es, Handwerker und Designer zu fördern und anzuregen sich mit dem jeweiligen Thema zu beschäftigen und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Ideen einem breiten Publikum zu präsentieren. Gleichzeitig erfahren die Besucher, dass es sie immer noch gibt, die wahren, guten, schönen Dinge, die noch liebevoll mit der Hand hergestellt werden. Vielleicht tragen die Wettbewerbe dazu bei, Verständnis für Qualität zu vermitteln und auch, dass diese ihren Preis hat. Die Teilnehmer können, wenn sie möchten, ihre Arbeiten während der Ausstellung verkaufen. Bei der Handtaschen-Wettbewerbs-Ausstel­lung in Deggendorf wurden z. B. 13 Taschen verkauft.

“Die Handtasche ist meist ein zweckmäßiger Gegenstand, ein modisches Accessoire, manchmal mit Kult-Charakter, auf jeden Fall ständiger Begleiter, oft beste Freundin, die die ihr anvertrauten Geheimnisse bewahrt.“ So begann unsere Ausschreibung, in der wir die ultimative Handtasche für das Jahr 2005 suchten. Die eingereichten Arbeiten durften nicht älter als 5 Jahre und noch nicht prämiert sein. Je­der Teilnehmer konnte sich mit maximal drei von ihm entworfenen und ausgeführten Handtaschen bewerben. Der Wettbewerb richtete sich an Handwerker und Designer aller Berufssparten, auch Auszubildende und Studenten wurden zugelassen. Die Deggendorfer Sparkasse lobte wie bei den vergangenen Wettbewerben einen Förderpreis von 3000.- € aus. Trotz des eher bescheidenen Preisgeldes war die Resonanz der Zusendungen überwältigend:

Die Wandelbare
Einige Taschen können sich je nach Jahreszeit oder Inhalt verwandeln. Die Tasche „Hans im Glück“ von Jan Dobmeier und Vincenz Warnke ist als Wäschesack, im Sommer aber auch als Sonnendecke, im Winter als Saunahandtuch zu verwenden. Zwei weitere Taschen lassen sich bequem zu Sonnendecken umwandeln. Multifunktional sind auch die Taschen, die mit ihrem Inhalt mitwachsen, oder sich durch Reißverschlüsse beliebig vergrößern lassen. Vor allem die Mode-Design-Studentinnen der FH Trier nahmen sich dieses Problems der Einkaufsfreudigen unter uns an, für die schnell die Taschen zu klein werden.

Zu den Taschen, die sehr viel mehr können als nur Behältnis zu sein gehören:

 

Die Extravagante
Hier wären alle Abendtaschen zu nennen, ich greife jetzt nur drei heraus: Die Rosenblätter-Tasche von Kerstin Mayer, die bei jeder noch so kleinen Bewegung leise klirrt und die schon zum akustischen Erlebnis wird. Außergewöhnlich ist auch die kirschrote Mund-Tasche von Almut Bialas, die sicherlich nicht nur am Abend glänzt. Bettina Gayer entwirft ein winziges Täschchen, das an einem gläsernen Armreif und am Finger getragen wird, also ganz wörtlich genommen wurde und wie ein schwarzes Vögelchen die Hand umflattert.

Die Witzige
Hierzu gehört eindeutig „Schnief“ von Manuela Michalski, die ultimative Handtasche für die Allergikerin, im antiseptischen Weiß mit praktischem Außenfach für Taschentücher. Bis ins Detail konsequent spiegelt der wackelige, stockende Schriftzug des Namens das Thema der Tasche wieder.

Bevor ich mich nun in all den schönen Taschen verliere, es gibt die Recycelte, die Gebeutelte, die Betütelte, die Klassische, die Geheimnisvolle, die Animalische, die Vegetarische, die Heimatverbunde, die Reiselustige, die Minimalistische usw. Es gibt laute und ganz stille Taschen, Taschen die unbedingt im Lokal einen eigenen Stuhl brauchen werden, vielleicht sogar zwei, so wichtig sind sie und andere, die geradezu mit ihrer Trägerin verschmelzen.

Es bewarben sich insgesamt 172 Mode-, Textil-, Produkt-, Industriede­signer, Schneider, Weber, Filzer, Feintäschner, Schuhmacher, Textil­künstler, Bildende Künstler, Architekten, Schreiner, Buchbinder, Papier-, Glas- und Schmuckgestalter mit über 350 Taschen. Noch nie war das Spektrum der Berufe so breit gefächert. Anhand von Fotos wurden 137 Handtaschen von 124 Handwerkern und Designern aus zehn Ländern zum Wettbewerb zugelassen, die nun auch bis auf wenige Ausnahmen in der Ausstellung in Zons zu bewundern sind: Von schrill bis klassisch, witzig bis praktisch, nahezu alle Handtaschentypen sind vertreten: Ob Abendtasche, Badetasche, Beutel, Gürteltasche, Kuverttasche, Laptop-Tasche, Hochzeitstasche, Männertasche, Reisetasche, Rucksack, Schulranzen, Tüte, Unterarmtasche, Umhängetasche, alles was Frau oder Mann am Körper tragen kann, ist dabei. Überraschend vielfältig ist auch die Auswahl der verwendeten Materialien. Zwar sind erstaunlich viele Taschen aus Leder -allein 40 Stück-, gefolgt von 30 Filztaschen, 28 Stoff-, 12 Papier-,3 Glas-, 2 Holz­taschen und 1Strohtasche. Aber auch neue Materialien (21) spielen eine wichtige Rolle, offensichtlich kann man aus allem eine Handtasche fertigen: Baufolie, Luftmatratze, Turnmatte, Sicherheitsgurten, Plastiktüten, Kassettenbänder, Elektrokabel, Küchenschwämmen, Duschschläuchen, Teppichstoff, Fahrradreifen usw. – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Es finden sich Taschen für alle Lebenslagen und Lebensalter. Das Taschen-Spielobjekt in Form eines Storches von Anette Quentin-Stoll lässt sich zu einer Handpuppe verwandeln und ist die ideale Handtasche für Väter oder Mütter mit Kleinkindern. Lästige Wartezeiten sind mit ihr sicherlich leichter zu überbrücken. Die „granny bag“, die Sylvia Pichler für ihre Großmutter entwarf, ist die ideale Handtasche für Senioren, denn hier ist der sonst im Verborgenen ruhende Tascheninhalt wie Erinnerungsfotos, Strickzeug, Rosenkranz und die tägliche Tablettenration gleich griffbereit außen angebracht. 

Überhaupt das lästige Suchen in den Taschen, das wir ja alle kennen, versuchten einige Teilnehmer zu lösen. Die Introvertierte Die meisten Taschen sind mit diversen Innenfächern ausgestattet. Manche wie die „Grüne Muse“ und „die kleine Echse“ der Österreicherin Elisabeth Märker überraschen durch ausgefallen schön gearbeitete Innenfutter mit liebevollen Details.

 

 Fast alle Taschen der professionellen Handtaschenmacher sind nicht nur außen attraktiv, sondern weisen innere Werte auf, die nur ihre Benutzerin sieht und kennt. Was dazu führt, dass diese Taschen zu wahren Schatzkästchen werden.

Die Kampflustige
Die „supermodern bag: modell 2005“ von Tanja Dirnberger bietet diverse Schutzfunktionen im urbanen Überlebenskampf, sie schützt sowohl vor Unwetter, Smogalarm oder gar Giftgasangriff. Selbstverständlich lässt sich die Tasche auch in eine schusssichere Weste umwandeln. Sollte es doch beschaulicher zugehen, können die Taschenhälften zu einem angenehmen Sitzkissen verwendet werden. Auch die grüne Filztasche von Julia Stotz in Motorsägenform mit Elektrokabelanschluss ist ideal für den Großstadtdschungel, passend dazu das Motiv des röhrenden Hirsches in Gobelinstickerei. Jeder Platzhirsch wird sich hier in Acht nehmen.

Die Jurymitglieder hatten es daher nicht leicht aus dieser Vielfalt die Preisträger zu küren. Sie beschäftigen sich zwar berufsmäßig mit Handtaschen wie Heidi Müller , Ausstellungskuratorin der Galerie Handwerk München, Dr. Kristine Scherer, Kuratorin der Textilsammlung Max Berk / Kurpfälzisches Museum Heidelberg, Georg Winklmayr aus Wels, der Obermeister der Österreichischen Täschner- und Sattlerinnung, wir beide von den Deggendorfer Museen, Birgitta Petschek-Sommer und ich, sowie Anna Eder, unsere Deggendorfer Oberbürgermeisterin und erklärte Handtaschen-Liebhaberin. Als einzig Fachfremder, aber als Sponsor doch gerne gesehen, wirkte Erwin Schmid, Direktor der Sparkasse Deggendorf, mit.

Jede der 137 Taschen wurde begutachtet und genauestens untersucht. Beurteilt wurden Ausführung, Funktionalität, Ästhetik und Innovation. Die Jury entschied sich nach dem Ausschlussverfahren in mehreren Runden für sechs gleichwertige Preise:

Der Preis für hervorragendes Handwerk und innovative Form ging an den TäschnerUlrich Czerny aus Saarbrücken für seinen beiden Ledertaschen „Windauge“ und „Quarter“. Beide handgenähten Modelle sind Klassiker der Moderne. 

Die handgewebte „Igeltasche“ die Textildesignerin Cornelia Feyll aus Friedland erhielt den Preis für die einfallsreichste Umsetzung im Bereich Textil. 

Der Keramikerin Angeliki Hofmann aus Rinchnach wurde der Preis für die witzigste Idee zuteil. Ihre drei Taschen aus Lockenwicklern, Wäscheklammern und Küchenschwämmen persiflieren das Thema Handtasche.

aus München verliehen. Ihre stabile handgenähte Ledertasche dient zugleich als Sitzhocker.

Die Designerin Katharina Schwabe aus Aachen erhielt für ihre beiden Taschen „Duoboli“ und „Amazona“ aus Neopren den Preis für die trendige, jugendliche Tasche.

Der Preis für die ungewöhnlichste Umsetzung ging an die Herrenschneiderin und Modistin Heike Thamm aus München für ihre freche, behütete Strohtasche.

Nun sind wieder alle Taschen vereint und können hier im schönen Kreismuseum Zons bewundert werden. Ich wünsche der Ausstellung ein begeistertes, handtaschenverliebtes Publikum, und dass viele Taschen hier ihre neuen Besitzerinnen finden, die Teilnehmer des Wettbewerbes hätten es verdient!

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!