HANDTASCHENGESCHICHTEN

VON HANNA REIN
Meine erste Handtasche bekam ich zu meinem vierten Geburtstag, sie bestand aus grünem Plastikmaterial und war mit einer weißen und einer roten Zackenlitze verziert. Ich war so stolz auf mein tolles Geschenk und betrachtete mich von allen Seiten im Spiegel. Handtaschen begleiten mich durch mein Leben. Wie Kleidung und Schuhe sind sie abhängig von der Mode. Mal sind sie winzig - mal sind sie riesengroß, mal trägt man sie - wie der Name schon sagt - mit der Hand, mal klemmt man sie unter den Arm, mal hängt man sie lässig über die Schulter. Mal sind sie Blickfang - manchmal sind sie nur praktisch. Handtaschen erzählen etwas über ihre Besitzerin - und manchmal auch etwas über ihre Betrachter. Während ich mir vor einigen Jahren von Italien - Urlauben elegante Taschen aus Florenz mitbrachte, sind meine Taschen heute schlicht, einfache Beutel aus schwarzem oder dunkelblauem Leder mit einem etwas breiteren Boden. Entdeckt habe ich sie auf einem Kunsthandwerkermarkt. In diese Taschen passt alles hinein, was ich unterwegs brauche. Da die Taschen kleiner sind als DIN A 4, habe ich damit normalerweise kein Problem bei der Taschenkontrolle in Museen. Anders erging es mir im Landesmuseum in Münster. Nachdem ich meinen Eintritt bezahlt hatte und meinen Mantel an der Garderobe abgeben wollte, fiel der Blick der jungen Frau, die mein Kleidungsstück entgegennahm, auf meine Tasche. In den Tisch vor der Garderobe war eine rechteckige Vertiefung eingelassen. Sie nahm meine Tasche und stellte fest, dass sie nicht richtig hineinpasste.

 

Der Inhalt der Tasche machte sie unten zu breit. Außer den "normalen Sachen" hatte ich heute noch einen Taschenschirm und eine Tafel Schokolade bei mir. Sie bot mir an, mir einen durchsichtigen Plastikbeutel für meine Geldbörse und für meine Brille zu geben. Die Tasche sollte ich hier lassen. Ich überlegte kurz, ob ich unter diesen Umständen auf den Besuch des Landesmuseums verzichten sollte. Ich nahm meine Handtasche wieder an mich und versuchte, den Inhalt etwas besser zu verteilen. "Das ist nicht erlaubt", belehrte mich die Garderobiere. Schließlich fiel mir eine Lösung ein: Ich nahm den Schirm und die Schokolade aus der Handtasche und steckte beides in die Manteltasche. Die Tasche passte jetzt problemlos in die vorgesehene Öffnung und mein Gegenüber war auch zufrieden.Ich wollte mir hier nur ein paar Bilder der klassischen Moderne ansehen, vor allem das von August Macke und Franz Marc gemalte Wandbild mit dem Titel "Paradies" aus Mackes Bonner Atelier, das 1980 nach Münster verkauft worden war. Als ich nach einer halben Stunde das Museum wieder verließ, wünschte mir die junge Frau noch einen schönen Tag. Die Kunsthandwerkerin, von der meine Taschen stammen, näht Taschen in allen Farben. Einmal fiel mir eine rote Tasche auf - ich mochte sie auf Anhieb. Sie würde einen farblichen Akzent setzen - bei einem schwarzen Hosenanzug oder bei einem grauen Kostüm. Ich überlegte eine Weile, dann kaufte ich sie mir. Eine Zeitlang wurde sie zu meiner neuen Begleiterin.

 

Dann hatte ich das Gefühl, dass sie meinen älteren Verwandten missfiel. "Eine rote Tasche schickt sich nicht - genau so wenig wie rote Schuhe", hörte ich sie denken. Meine Schwiegermutter - immer sehr vorsichtig mit Kritik - sagte mir, als ich wieder die schwarze Tasche bei mir hatte, diese gefalle ihr doch sehr viel besser als die andere, die rote. In einer Modezeitschrift las ich vor einiger Zeit "Grün ist das neue Rot". Damals verliebte sich meine Freundin Petra in eine Tasche aus grünem Lackleder. Im letzten Frühjahr nahm Petra an einem zweiwöchigen Seminar über Kunst und Literatur auf Sylt teil. Mit dabei waren überwiegend gebildete Damen, im Durchschnitt zehn bis zwanzig Jahre älter als sie, die keinen großen Wert auf Äußerlichkeiten legten. Am letzten Abend wurden die Ergebnisse der Studienwochen vorgestellt: Geschichten und Gedichte wurden vorgelesen, Bilder ausgestellt. Anschließend standen die Teilnehmerinnen noch bei einem Glas Sekt oder Wein zusammen. Meine Freundin hatte die grüne Tasche umgehängt. „Sieht aus wie eine Gießkanne", tuschelte eine ältere Frau hinter ihr, „was die da wohl drin hat?" Die Damen prosteten einander zu, freuten sich über die Ergebnisse beim Schreiben und beim Malen. Es wurde laut erzählt, resümiert, gelacht. Da kam die Frau, die das Wort "Gießkanne" erwähnt hatte, an Petras Tisch und fragte sie:"Sagen Sie mal, was haben Sie eigentlich in Ihrer Handtasche?" - Einen Bruchteil einer Sekunde wusste Petra nicht, was sie antworten sollte. -„Was glauben Sie denn?", sagte sie dann zu der Dame, „natürlich mein Sexspielzeug". Seitdem ist sie übrigens nicht mehr nach dem Inhalt ihrer Handtasche gefragt worden.